Massenkundgebung zum ersten Jahrestag des gewaltsamen Verschwindenlassens der 43 mexikanischen Studenten

Dienstag, den 29. September 2015

von Gerd Goertz

(Berlin, 27. September 2015, npl).- Am Samstag, 26. September jährte sich zum ersten Mal das gewaltsame Verschwindenlassen der 43 Lehramtsstudenten von Ayotzinapa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero. Angeführt von den Familienangehörigen der Studenten und Vertreter*innen von Menschenrechtsorganisationen gingen in Mexiko-Stadt trotz Dauerregen mehrere Zehntausend Menschen auf die Straße. Auch in anderen Landesteilen demonstrierten zahlreiche Bürger*innen. Ein Jahr nach dem Verbrechen lautet die Forderung immer noch: „Lebend haben sie sie genommen, lebend wollen wir sie wieder“.

Der Protesttag verlief größtenteils friedlich. Allerdings ist die Stimmung zwischen den Angehörigen der Opfer und den Regierungsbehörden äußerst angespannt. Ein am Donnerstag letzter Woche abgehaltenes Treffen der Angehörigen mit dem mexikanischen Präsident Enrique Peña Nieto, dem Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong, sowie der Generalbundesstaatsanwältin Aracely Gómez und weiteren Regierungsmitglieder*innen endete mehr oder weniger abrupt. Zwar erklärte Peña Nieto, er stehe auf der selben Seite wie der Eltern der Verschwundenen. Doch die Familienangehörigen werfen dem Präsidenten und seinen Funktionären fehlendes Interesse an der Aufklärung des Falles und Gefühlskälte vor.

Unabhängiger Bericht widerspricht Regierungsversion

Anfang des Monats hatte eine fünfköpfige interdisziplinäre Expertengruppe der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) nach mehrmonatigen eigenen Untersuchungen mit ihrem Bericht zu Ayotzinapa die offiziellen Ermittlungsergebnisse weitgehend infrage gestellt. Vor allen Dingen widerspricht der Bericht der Regierungsversion, die verschwundenen Studenten seien noch in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 nahe der Stadt Iguala auf einer Müllhalde zu Asche verbrannt worden. Ebenso zeigt er eine Reihe von Indizien für die Verwicklung von Bundespolizei und mexikanischer Armee in das Verbrechen auf. Damit konterkariert er ebenfalls die bisher aufrecht erhaltene offizielle Darstellung, neben dem Bürgermeisterehepaar von Iguala seien ausschließlich die lokale Polizei und die Drogenmafia des Bundesstaates Guerrero für das Verschwindenlassen der 43 verantwortlich.

Die Regierung ging nach dem Report der Expertengruppe gewissermaßen in die Offensive, indem sie kurz darauf die Verhaftung des Drogencapos Gildardo López Astudillo bekannt gab. Dieser soll seine Verantwortung für die Entführung, Ermordung und Verbrennung der Studenten gestanden haben. Zudem stellte die Generalbundesstaatsanwaltschaft die Identifizierung eines zweiten verschwundenen Studenten anhand von Knochenresten als sicher da. Die mit der Untersuchung beauftragten Forensiker*innen der Universität Innsbruck hatten jedoch nur von einer „Wahrscheinlichkeit“ gesprochen. Das Regierungsvorgehen löste unter anderem harsche Kritik des Argentinischen Teams für Forensische Anthropologie (EAAF) aus, das auf Wunsch der Familienangehörigen in 2014 mehrere Monate an den Untersuchungen beteiligt war. Das EAAF warf der Bundesgeneralstaatsanwaltschaft offen Manipulationen vor.

Mögliche Verstrickung von Bundespolizei und Armee

Sollten allen Hoffnungen der Angehörigen zum Trotz die 43 Studenten ermordet sein, so war der Tathergang ziemlich sicher anders, als die Ermittlungsbehörden und die mexikanische Regierung dies darstellen wollen. Auch das UNO-Büro in Mexiko forderte am Vortag der Massendemonstration, die Untersuchungen neu aufzurollen und die Verantwortung aller drei Staatsebenen festzustellen. Die Expertengruppe der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) wird voraussichtlich sechs weitere Monate im Land bleiben. Ab dem 28. September befinden sich zudem die sieben Mitglieder der CIDH-Kommission für mehrere Tage in Mexiko. Mario César González, Vater des verschwundenen Studenten César Manuel, warnte vor der Menschenmenge am Samstag den Präsidenten: „Sollte er auf die Ermüdung und das Vergessen setzen, dann verliert er.“ Peña Nieto flog noch am Samstag zur UNO-Vollversammlung nach New York. Dort sprach er gestern mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon über Mexikos Beteiligung an Friedensmissionen.

http://www.npla.de/de/poonal/5267-massenkundgebung-zum-ersten-jahrestag-...