NAFTA: Irreführende Botschaften

10. September 2017

(Mexiko-Stadt, 10. September 2017, la jornada).- Zu Beginn der zweiten NAFTA-Verhandlungsrunde, die mit seinem fünften Regierungsbericht zusammenfiel, verbreitete der mexikanische Präsident Peña Nieto: „Wir sind der zwölftgrößte Nahrungsmittelproduzent in der Welt…Erstmals in 20 Jahren exportieren wir mehr Lebensmittel als wir importieren… Die Regierung arbeitet daran, dass es mehr einheimische Nahrungsmittel auf dem heimischen Tisch gibt und mehr Landwirtschaftsprodukte aus Mexiko in der Welt.“ Diese Euphorie über die Agrar- und Lebensmittelexporte findet ihre Entsprechung in der Verärgerung von Präsident Trump über das Handelsdefizit, das die USA mit Mexiko aufweisen. Es erreichte im Agrar- und Lebensmittelsektor in 2016 zusammen mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Doch für sowohl für die Landwirtschaft wie für die Lebensmittelbranche sind beide Botschaften irreführend.

Cargill: Ohne NAFTA könnten 15 Mio. Arbeitsplätze in den USA wegbrechen

Die USA sind NAFTA-Nettogewinner sowohl in der Landwirtschaft als auch im Lebensmittelsektor, wobei beide Bereiche heute eng miteinander verzahnt sind. Mexiko exportiert Luxusgüter und importiert Grundnahrungsmittel. Es tauscht Bier, Tequila, Avocados, Tomaten, Gurken, Pfeffer und Beerenfrüchte gegen Mais, Bohnen, Weizen, Sorghum, Soja, Rind- und Schweinefleisch, Milch und Huhn. Der Mais führt die mexikanischen Importe mit etwa 12 Millionen Tonnen im Wert von mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar jährlich an.

Die wichtigsten US-Unternehmen, die Mais nach Mexiko exportieren – Cargill, Archer Daniels, Midland, Ingredion – sind zusammen mit den mexikanischen Konzernen Maseca und Minsa auch diejenigen, die den Mais in Mexiko kommerzialisieren, ihn von den Landwirt*innen kaufen und ihn an die Tortilla-Geschäfte sowie andere Lebensmittelfabrikant*innen verteilen. Oder sie produzieren aus dem Mais Fruchtzucker für Erfrischungsgetränke. Cargill ist das größte Privatunternehmen in den USA. Dessen Präsident beeilte sich in den vergangenen Tagen zu erklären, dass die Beendigung von NAFTA ein schwerwiegender Fehler wäre. Es seien 15 Millionen Arbeitsplätze in den USA betroffen, die von dem Abkommen abhingen. Es könne ein Handelskrieg ausgelöst werden. Die Einnahmen von Cargill könnten bis zu 10 Prozent einbrechen.

Beim Viehfutter auf Importe aus USA angewiesen

Die Viehzüchter*innen in Mexiko, die Rindfleisch-, Schweine-, Hühner-, Milch- und Eierproduzent*innen hängen direkt von den Importen von Mais, Sorghum und Soja aus den USA ab. Mit dem Freundschaftsdienst der mexikanischen Regierung, die Importsteuer vorzeitig zu eliminieren, erreichten sie, dass die Maispreise abrupt sanken. Einige der Nutznießer sind Lala, Alpura, SuKarne, Grupo Kuo. Sie gehören zu den größten Lebensmittelkonzernen im Land.

Außerdem werden die Hähnchenteile, die in den USA nicht konsumiert werden, zu Dumpingpreisen nach Mexiko eingeführt. Der Markt wird vom (mexikanischen) Konzern Bachoco-Campi, der über ein Brutzentrum in den USA verfügt, sowie von Pilgrim’s-Tyson (US-Kapital) kontrolliert. Die Importe von Rind- und Schweinefleisch aus dem Nachbarland haben sich in der NAFTA-Zeit verdreifacht. Mexiko ist auf Kosten der einheimischen Produktion auch zum wichtigsten Markt für US-Exporte von Äpfeln und Birnen geworden.

Besonders umsatzstark: Mexikanische Firmen, die US-Tochterunternehmen sind

In der Industrie für verarbeitete Lebensmittel übertreffen die Verkaufszahlen der mexikanischen Unternehmen, die Tochterunternehmen von US-Unternehmen sind, die US-Exporte selbst. Die Zeitschrift „Expansión“ hat eine Liste der 500 bedeutendsten Unternehmen in Mexiko aufgestellt. Ihr Absatz nahm 2016 um 9,6 Prozent zu, während die Gesamtwirtschaft nur um 2,3 Prozent wuchs. Die Unternehmen des Lebensmittelsektors belegen in der Liste den sechsten Rang. Sie trugen mit 6 Prozent zu den Verkaufszahlen bei. Die Getränkekonzerne einschließlich der Bierindustrie belegen den achten Platz und erzielen 4 Prozent des Gesamtabsatzes.

Dem Lebensmittelsektor werden 26 Unternehmen zugerechnet. Davon sind acht in ausländischer Hand und bei vielen der übrigen ist ausländisches Kapital involviert. Bimbo, Gruma und Bachoco befinden sich auf den ersten Plätzen. Sie sind mexikanische Multis mit wichtigen Absatzzahlen in den USA. Unter den ausländischen Konzernen stechen das Schweizer Nestlé-Unternehmen sowie Pilgrim’s, Mondelez, Mars, Kellog und Mead Johnson aus den USA hervor.

Von den 12 aufgeführten Getränkeunternehmen einschließlich des Biersektors ist die Hälfte in ausländischem Besitz: Grupo Modelo, Cuauhtémoc Moctezuma-Heineken, Pepsico, Grupo Peñafiel, Diageo und Brown Forman Tequila. Zu den mexikanischen Multis gehören auf den ersten Rängen Femsa-Coca-Cola und Arca Continental. Beide sind jedoch Teil des Coca-Cola-Konglomerats.

Handelsdefizit der USA durch US-Unternehmen hervorgerufen

Die beiden Mode-Exporte in die USA – Avocados und Beerenfrüchte – kommen auf Ausfuhrwerte von 2,1 beziehungsweise 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr. Zwar werden sie in Mexiko mit mexikanischem Wasser und mit mexikanischer Arbeitskraft, ohne Arbeitsrechte und ohne Umweltauflagen, produziert. Doch bei Erzeugung, Verpackung und Export sind ausländische Unternehmen beteiligt.

So wie die Dinge liegen, können wir folgern, dass das US-Handelsdefizit im Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor von US-amerikanischen Unternehmen hervorgerufen wird. Und der Überschuss Mexikos ist eher der Überschuss multinationaler Unternehmen, von denen sich verschiedene im US-Besitz befinden.

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