Plünderung der Territorien und Kriminalisierung der Proteste

14. März 2018

Wir, das heißt das Projekt „Lateinamerika: global – nachhaltig" des Allerweltshauses Köln e.V., freuen uns, euch die Spezialausgabe der ila präsentieren zu dürfen. Nach fast einem Jahr seit Beginn unseres Projektes und nach der Umsetzung verschiedener Aktivitäten mit Aktivist*innen aus Ländern Lateinamerikas veröffentlichen wir gemeinsam mit den entstandenen Partnerschaften ein Dossier zum Thema Aktivismus in Lateinamerika.

Was bedeutet Aktivismus in seiner eigentlichen Form? Laut Duden bezeichnet Aktivismus: 1) aktives Verhalten, [fortschrittliches] zielstrebiges Handeln und Betätigungsdrang, 2) (aus der Literaturwissenschaft) die Literatur als Mittel zur Durchsetzung bestimmter Ziele begreifende geistig-politische Bewegung. Diejenigen, die Aktivismus praktizieren, sind als Personen bezeichnet, die in besonders intensiver Weise für die Durchsetzung bestimmter Absichten eintreten. Oft sind diese im weitesten Sinne politischer Art und stammen insbesondere aus den Bereichen der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik sowie der Bürger- und Menschenrechte.

Dieses Dosier hat das ehrgeizige Ziel, mit den präsentierten Artikeln einige Gesichter und das aktuelle Geschehen des Aktivismus in Lateinamerika mit seinen vielfältigen Formen zu beschreiben. An dieser Stelle möchten wir festhalten, dass der Aktivismus in seiner Gänze in Lateinamerika hier nicht beleuchtet werden kann, das wäre vermessen. Aber die im Verlauf dieses Arbeitsjahres gemachten Erfahrungen, der Austausch und die Ergebnisse unserer eigenen Art von Aktivismus und Perspektivwechsel haben uns in der Annahme bestätigt, dass eine in ganz verschiedenen Größen und Facetten zunehmende Welle des sozialen und ökologischen Aktivismus in Lateinamerika fortbesteht.

Die vielseitigen Formen dieses Widerstandes und der Mut der Aktivist*innen in Lateinamerika, für ihre Rechte einzutreten, hat in uns das Bedürfnis geweckt, diesen Kämpfen und den realen Geschichten der darin engagierten Menschen mehr Raum zu geben. Daraus sind die folgenden Seiten hervorgegangen.

Da sich unser Projekt „Lateinamerika: global – nachhaltig“ mit aktuellen politischen, ökologischen und sozialen Prozessen auch im Hinblick auf Chancen und Risiken der Agenda 2030 in Lateinamerika beschäftigt, nutzen wir die Möglichkeit, mit dem Dossier auf diese wichtigen Akteurinnen und Akteure der Transformation aufmerksam zu machen.

Ebenso wie die anderen Länder der Welt haben auch alle Staaten Lateinamerikas die Agenda 2030 unterschrieben und sich dazu verpflichtet, die darin enthaltenen Nachhaltigen Entwicklungsziele umzusetzen. Alle Themenschwerpunkte unseres Projektes, im weitesten Sinne Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschenrechte, finden sich in der Agenda 2030 wieder und können aus verschiedenen Perspektiven eben auch kritisch betrachtet werden. Die Agenda 2030 wurde auf politischer Ebene seit Herbst 2015 von allen 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen. Darin sind auch alle 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele, die SDGs, enthalten. Leitbild des universellen Aktionsplans ist die nachhaltige grundlegende Transformation aller Länder. In diesem Sinne sind Themen wie Recht auf Land und Ernährungssouveränität, die insbesondere die indigene und traditionelle Bevölkerung betreffen, Umweltaktivismus, Klimawandel und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen im globalen Süden, Gendergerechtigkeit und feministische Bewegungen wie auch die Verletzungen der Menschenrechte in diesem Dossier zu finden. Die Artikel vereinen die Stärke von aktiven, engagierten Menschen, die für eine gerechte, reparative und transformative Gesellschaft kämpfen. Sie sind längst auf dem Weg, um diese Ziele zu erreichen, und spielen dabei eine fundamentale Rolle.

Mit der Auswahl der Artikel möchten die Autor*innen und Aktivist*innen informieren, sensibilisieren und zum Handeln anregen. Der Widerstand ist da! La resistencia está!, bildet sich täglich neu und bleibt in Bewegung.

Globale Zusammenhänge und ökologische Auswirkungen werden in mehreren Artikeln aufgezeigt. Ebenso wie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen in Ländern Lateinamerikas und deren gravierende Folgen für die Umwelt und die Menschen. Autor*innen aus Kolumbien und Deutschland, wie Estefanía Ocampo, Sebastián Yarce und Laura Rupp beschreiben den Widerstand der sozialen Umweltbewegung MOVETE gegenüber extraktiven Projekten. Diese werden häufig „Entwicklungsprojekte“ genannt. Entwicklung auf wessen Kosten? Ganze Gemeinden, die Natur und soziale Gefüge leiden daran. „Die Natur wird privatisiert, um einige wenige Taschen zu füllen, ohne Rücksicht auf die Zerstörung von Ökosystemen, Gemeinden und lokalen sozioökonomischen Dynamiken“, wie ein Betroffener erzählt. Von solchen Schicksalen können Millionen Menschen in Lateinamerika berichten. „Die produzierte Energie ist also auch nicht für den kolumbianischen Konsum gedacht, sondern für den Verkauf ins Ausland.“ Über ähnliche Beispiele berichten auch Maria Fernanda Palomo und Luis Hernándes Navarro aus Mexiko. Die Artikel nehmen die in der Agenda 2030 beinhalteten Ziele 13: „Maßnahmen zum Klimaschutz ergreifen“
sowie SDG 15: „Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern“ anhand des regionalen Beispiels genauer unter Betrachtung.

Was die Themen Gendergerechtigkeit und Frauenrechte betrifft, so sind mit SDG 5 „Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“ lebendige und starke Stimmen aus Brasilien, Argentinien und Mexiko vertreten. In dem Artikel von Mariana Carbajal aus dem Kollektiv NiUnaMenos wird über die neuesten Entwicklungen und die Vielfalt der feministischen Bewegung in Argentinien und Lateinamerika berichtet. Die Autorin prophezeit darin: „Am nächsten 8. März wird die Welt durch einen neuen Internationalen Frauenstreik erzittern.“ Die Journalistin Kathrin Zeiske schreibt über den Alltag von Mädchen und Frauen in Ciudad Juárez, die auch als Stadt der Frauenmorde bekannt ist. Den Angehörigen bleibt nur, sich selbst um Aufklärung der Verbrechen zu bemühen.

Auch in Brasilien mangelt es an Rechtsstaatlichkeit (SDG #16). Die Pastoral Carcerária Nacional, die Nationale Gefängnisseelsorge aus Brasilien, klagt das tägliche Massaker in den Gefängnissen Brasiliens an, kritisiert, wie Masseninhaftierung durch die rassistische Struktur der Gesellschaft kontinuierlich geprägt wird und insbesondere junge „Mütter, schwarze Frauen mit niedrigem Bildungsstand“ davon betroffen sind. Ihr Widerstand: Sie kämpfen für desencarceramento für alle, für die Abschaffung des Gefängnissystems.

Diese und andere Stimmen aus Brasilien, Mexiko, Honduras und Peru sind in dieser Spezialausgabe der ila zu finden, welche sich hörbar machen und Widerstand leisten, wo es am nötigsten ist. Und wir, auf dieser Seite der Welt, bleiben dran und sind bereit, uns weiter zu artikulieren, die neuen Entwicklungen hier und dort zu begleiten und kritisch zu betrachten und wir werden weiterhin hinterfragen, inwiefern die Agenda 2030 in Lateinamerika umsetzbar ist.

Wir bedanken uns beim Team der ila für diese besondere Gelegenheit, bei allen Autor*innen, die unserer Arbeit Vertrauen geschenkt haben, allen Übersetzer*innen, die tolle Arbeit geleistet haben, und bei unserem ganzen Team vom Allerweltshaus. An dieser Stelle danken wir auch unseren Förderern: Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW, dem Evangelischen Entwicklungsdienst und dem Katholischen Fonds für die finanzielle Unterstützung.

Wir wünschen euch eine spannende Lektüre!

Falls ihr euch gerne engagieren wollt, aber noch nicht wisst wie und wo, schaut doch mal im Allerweltshaus vorbei, auf unserer Website www.lateinamerika-koeln.de oder bei Facebook Lateinamerika – Allerweltshaus e.V.

Fernanda Oliveira und Leila Himbert für das Projekt Lateinamerika: global – nachhaltig

http://ila-web.de/ausgaben/413#undefined