Ileana Alamilla ist tot: Guatemala wird eine kluge Stimme fehlen

20. Januar 2018

Eintrag veröffentlicht in poonal Guatemala und getagged mit Bürgerkrieg Pressefreiheit URNG Gerold Schmidt am 30. Januar 2018

Von Gerold Schmidt

(Mexiko-Stadt, 20. Januar 2018, npl).- Am 17. Januar starb in Guatemala-Stadt völlig überraschend aufgrund nicht näher benannter natürlicher Ursachen die Journalistin und gelernte Anwältin Ileana Alamilla Bustamante, Gründerin der Poonal-Mitgliedsagentur cerigua(Informationszentrum zu Guatemala) und mehrfache Vorsitzende des guatemaltekischen Journalist*innenverbandes (APG). Erst zwei Tage vor ihrem Tod hatte Alamilla, die auch regelmäßige Kolumnen in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre schrieb, eine dritte Amtsperiode im APG angetreten. Zuvor war sie in den Perioden 2005/2006 und 2016/2017 Vorsitzende des Verbandes. In Guatemala war Ileana Alamilla eine Institution, die sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung, den Schutz der Journalist*innen und unter anderem für eine nicht sexistische Sprache in den Medien einsetzte.

In diesen Tagen wird in Guatemala viel über die zahlreichen Preise geschrieben, die die cerigua-Direktorin erhielt. Ebenso über die Vielzahl von Menschenrechts- und Medienprojekten, die sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Institutionen anstieß oder beratend begleitete. An dieser Stelle soll mehr an die Anfänge ceriguas sowie die Bedeutung Alamillas für den Nachrichtendienst poonal erinnert werden. Alamilla gründete den kleinen Informationsdienst cerigua am 8. August 1983. Es war der Tag, als der guatemaltekische Militärdiktator Efraín Ríos Montt, berüchtigt für seine Politik der verbrannten Erde, durch einen Staatsstreich des kaum weniger repressiven Generals Mejía Víctores gestürzt wurde.

Cerigua berichtete umfassender als die offiziellen Medien

Cerigua galt damals nicht zu Unrecht als der linken Guerillabewegung URNG nahestehend. Das zentrale Büro der Agentur befand sich im Exil in Mexiko-Stadt. Aufgrund der Kontakte ins Land hinein waren die Informationen ceriguas häufig genauer und umfassender als die der offiziellen Quellen in Guatemala selbst. Bis weit in das bürgerliche Lager hinein wurden die Informationen von cerigua als vertrauenswürdig zitiert. In Deutschland stützte sich die Solidaritätsbewegung häufig auf den regelmäßigen Nachrichtendienst von cerigua. Über die katastrophale Menschenrechtslage unter den Militärs und den ab 1986 folgenden zivilen Regierungen in Guatemala wäre ohne cerigua viel weniger bekannt geworden. Ich selbst erinnere mich an eine beeindruckende Informationsveranstaltung mit Ileana Alamilla in Köln, es war wohl Mitte der 1980-er Jahre.

In Mexiko war cerigua geduldet. Unerklärliche Einbrüche in das im Stadtzentrum gelegene Büro wurden damals als Hinweis gewertet, dass der mexikanische Staat ein wachsames Auge auf die Arbeit der Agentur hatte (Ähnlichkeiten mit den Einbrüchen bei mexikanischen Journalist*innen und Menschenrechtsorganisationen in der Gegenwart sind rein zufällig). Gleichzeitig gelang es Ileana Alamilla aber, in Mexiko viele Kontakte zu lateinamerikanischen Kolleg*innen und zum lateinamerikanischen Journalist*innenverband FELAP zu knüpfen. Mit ihrer Unterstützung kam in Zusammenarbeit mit alternativen lateinamerikanischen Nachrichtenagenturen, lateinamerikanischen Autor*innen und engagierten Journalist*innen aus Deutschland unter dem Dach der FELAP 1991 der erste deutschsprachige poonal-Dienst heraus. Ein Projekt, das mit Auf’s und Ab’s nun fast 30 Jahre überlebt hat und cerigua nach wie vor zu seinen Mitgliedsagenturen zählt.

1993 feierte cerigua in Mexiko-Stadt sein 10-jähriges Bestehen. Das Fest war zugleich ein großes Treffen des guatemaltekischen Exils. Die Hoffnungen auf ein gutes Ergebnis der dann 1996 abgeschlossenen Friedensverhandlungen zwischen Guerilla und Regierung und ein „neues“ Guatemala waren damals groß. Viele Enttäuschungen sollten folgen. Ileana Alamilla konnte jedoch 1995 nach Guatemala zurückkehren und die Schlussphase der Verhandlungen intensiv journalistisch begleiten. Mit cerigua förderte sie ein Korrespondent*innennetzwerk in den verschiedenen Landesregionen. Aus diesem „anderen“, überwiegend indigenen Guatemala kamen sonst nur spärliche Informationen. In den vergangenen Jahren setzte sich Alamilla verstärkt für Schutzprogramme für Journalist*innen ein. Ihre Befürchtung, im Rahmen der Verbreitung der Drogenkartelle, könnten die Journalist*innen ähnlich gefährdet sein wie in Mexiko, war berechtigt. Laut cerigua sind in Guatemala seit 2000 mindestens 38 Medienbeschäftigte ermordet worden. In ihrer wenige Stunden vor ihrem Tod erschienenen letzten Kolumne in Prensa Libre beklagte Ileana Alamilla das Verhalten des guatemaltekischen Präsidenten sowie des Parlamentsvorsitzenden beim Einsatz gegen Korruption und Straffreiheit und sagte ein Jahr voller „sozialer und politischer Konfrontation“ voraus. Sie rief Medien und Kolleg*innen auf, zum Kampf für Gerechtigkeit beizutragen, ohne „Feuerschürer“ zu sein. Ileana Alamillas kluge, kritische und besonnene Stimme wird in Guatemala fehlen.

https://www.npla.de/poonal/ileana-alamilla-ist-tot-guatemala-wird-eine-kluge-stimme-fehlen/